Die Scheck-Debatte: Literaturkritik darf ätzen
Ich mag Denis Scheck ja nicht so gern. Er ist ein typischer Vertreter der aktuellen Mainstream-Medien. Aber mindestens hat er bei der Literatur dezidierte Meinungen und trägt sie halbwegs eloquent und einzigartig vor. Sein Urteil über Ildikó von Kürthy und Elke Heidenreich ist nicht bloß – meiner Meinung nach – gerechtfertigt, es ist auch völlig legitim sich so zu äußern. Aber die Kontroverse gibt uns ein gutes Fenster in den Zeit(un)geist…
Ich habe Auszüge von Denis Schecks Sendungen viele Male in den sozialen Medien angeschaut – und fand sie zumindest kurzweilig und halbwegs geistreich. Seine Sendung als Ganzes war mir, weil ich kein Fernsehen schaue, bislang entgangen. So habe ich sie mir erst in den letzten Tagen, für diesen Artikel, in der ARD Mediathek zu Gemüte geführt. Das hat meinen ersten Eindruck eigentlich nur bestätigt.
Halbwegs geistreich, aber zu einhundert Prozent ein Produkt der Mainstream-Medien. Das kann man Scheck nicht zum Vorwurf machen, sonst würde er da nicht arbeiten. Über angeblich unterbelichtete ostdeutsche AfD-Anhänger zu lästern, gehört da eigentlich zum guten Ton. Ich bleibe dabei, dass die Ostdeutschen die besseren Deutschen sind, auch wenn ich kein Anhänger der entsprechenden Partei bin. Und bei den literarischen Urteilen des Herrn Scheck geht es mir ähnlich: Bei vielen bin ich nicht d’accord, aber mindestens ist es halbwegs kurzweilig und mit Witz – im klassischen Wortsinn – vorgetragen. Außerdem hat er mich mit seinem vernichtenden Urteil über Christa Wolfs „Kassandra“ für sich eingenommen (das Buch ist eine Vergewaltigung der griechischen Mythologie, und als Teil-Griechin nehme ich das persönlich!) und mit seiner konsequenten Haltung gegen die „Bereinigung“ der Literatur von Worten, die dem Zeitgeist sauer aufstoßen („Neger“, zum Beispiel.). Immerhin hat er Rückrat, wenn er auch im Kern doch ziemlich mainstreamkonform denkt.
Nein, ein Reich-Ranicki ist er nicht. Aber in der heutigen Zeit ist ein Denis Scheck schon viel wert. Aber nicht alles durcheinander. Wollen wir doch lieber am Anfang anfangen.
Zwei beleidigte Damen
Am Anfang war aber in diesem Fall nicht das Licht, sondern zwei beleidigte Damen – Ildikó von Kürthy und Elke Heidenreich. Weil Denis Scheck sie in die Mülltonne geworfen hat. Also, natürlich nicht sie, sondern ihre Bücher. Wer das Format nicht kennt, dem sei erläutert: Im Rahmen der knapp 30-minütigen Sendung „druckfrisch“ gibt es ein kurzes Segment von 5 Minuten, in dem Scheck die Top-10 der Spiegel-Bestseller bespricht. Je nach Ergebnis der Besprechung landen die schlechtesten aller Bücher auf einem Laufwand, dass ist den Altpapiercontainer führt.
Für alle die, die da jammern: „Wie kann man nur ein Buch in einem Satz verreißen? Wie kann man nur ein Buch ins Altpapier werfen…?“ Vielleicht haben die nie in ihrem Leben beim Fernsehen oder sonst wie in einer Redaktion gearbeitet, das kann ja sein. Das haben viele nicht. Also dafür mal kurz die Rahmenbedingungen: 5 Minuten Segment ist 5 Minuten Segment. Man kann das nicht einfach mal 10 Minuten und mal 3 Minuten machen. 5 Minuten. Macht bei 10 Büchern 30 Sekunden pro Buch. In diesen 30 Sekunden muss der Inhalt referiert und ein knapp begründetes Urteil verkündet werden. Viel Zeit für differenziertes Ausschweifen ist da nicht.
Es ist ein Segment von insgesamt sechs. Gemacht wird das so, damit die Zuschauer nicht vor lauter Tiefsinn einschlafen oder, was für die Quote viel schlimmer wäre, umschalten. Das ist quasi an den Zeitgeist angepasstes Kulturprogramm. Ja, es ist richtig, dass man diese Urteile alle viel differenzierter formulieren könnte – aber so ist halt nicht das Konzept. Und selbst die, die da laut schreien, würden es wahrscheinlich gar nicht mehr schaffen, sich die Tiefe und Differenziertheit, die sie vermissen, zu Gemüte zu führen.
Dieses Segment verlangt danach, dass jemand super pointiert und mit Witz ein Urteil über ein Buch fällt. Und das ist zwischen längeren Segmenten platziert, um aufzulockern. Und das macht Denis Scheck wirklich mit Bravour. Wenn man nun das Unglück hat, in dieser Rubrik besprochen zu werden, dann muss man eben damit leben, dass das Urteil frech, knackig und bissig ist. Sonst würde ja die ganze Sendung nicht funktionieren.
Das nur mal so zum Kontext. Nun stellt sich aber die Frage: Warum sind die Damen nun eigentlich beleidigt? Ich bin ganz ehrlich, ich habe die Ergüsse der beiden entrüsteten Weiber in der Zeit gelesen und bin noch genauso schlau als wie zuvor. Und das ist eigentlich der Beleg dafür, dass Scheck mit seiner Einschätzung ganz recht hatte.
Er hatte unter anderem Ildikó von Kürthy als „Inge Meysel auf Extasy“ bezeichnet und ihr Buch übers Altern mit „Geschnatter auf der Damentoilette“ verglichen. Und ja, das ist auch irgendwie der Eindruck, den ich von den beiden alternden Möchtegern-Divas so insgesamt habe. „Geschnatter auf der Damentoilette“ ist natürlich eine Behelfsmetapher. Kurz, knackig und witzig, aber man hätte es besser machen können. Pausengeplauder im Theaterfoyer mit Sektgläschen unter aufstrebenden Bürgerinnen, bei denen die literarische Kompetenz hinter der intellektuellen Ambition Äonen hinterherhinkt, das trifft es schon eher. Oder Seniorinnenclub mit 1. Klasse-Sparpreis-Ticket und Prosecco auf dem Weg ins Wellnesswochenende. Nur als kleiner Hinweis, Herr Scheck, wie man es eben hätte präzisieren können. Den Grundcharakter nicht nur des einen Werkes, sondern der beiden Damen und ihrer Ergüsse insgesamt, haben Sie aber perfekt getroffen.
Also, was steht nun drin, in den beiden großen Empörungsartikeln? Irgendwas zwischen „der alte weiße Mann hat keine Ahnung“ und „wir Frauen sind so toll“ und „Misogynie!“ und „Feminismus jetzt – nieder mit dem Patriarchat!“ … verpackt in mäanderndes, weibisches, prätentiöses Gewäsch. Die Artikel lesen sich genau wie die Bücher der Damen, schlauer ist man hinterher nicht, versteht aber: Schenk hat eben recht.
Darf man so ätzend sein?
Ich habe mir natürlich auch sämtliche Kommentarspalten durchgelesen, man will schließlich die gesellschaftlichen Untiefen vollends ausloten. Sie enttäuschten nicht: Lauter junge Feminist:innen (und außen auch) mit Nieder-mit-dem-Patriarchat-Floskeln und Böse-alte-weiße-Männer-Parolen sowie in die Jahre gekommene Feministinnen, die voll auf das mäandernde Gewäsch abfahren: „Da muss man sich eben auch wehren!“ „Immer gegen die Frauen!“ „So darf man über Bücher nicht sprechen!“ Konstruktive Kritik ist ja gut, aber sowas geht gar nicht!“ – Jaja, nicht, dass sich mal jemand unwohl fühlt.
Erstens mal ist Literaturkritik im Fernsehen auch eine Art von Entertainment. Wenn man da jetzt Wohlfühlrezensionen bringt, die jeden euphemistisch verpackten Kritikpunkt („Mich hat etwas gewundert, dass der Ermordete am Ende sein eigener Mörder war, ohne dass es einen Suizid gab, das war mal eine ganz neue Perspektive…“) mit zwei positiven kompensiert („Dass der Mord bei Sonnenaufgang spielt, gab dem negativen Szenario gleich eine positivere Note – und zudem hat mir gefallen, dass die Hauptperson eine queere BIPOC-Person ist…) – das will halt keiner hören und sehen. Weshalb auch alle woken Filme der letzten Jahre grundsätzlich gefloppt sind.
Zweitens: Der Literaturkritiker an sich muss schon ein ätzender Mensch sein. Wer keinen Spaß daran findet, seine Unlust, die er beim Lesen verspürt hat, in möglichst bissige, harte, ätzende Pointen zu gießen … der ist in dem Beruf aus meiner Sicht irgendwie falsch. Auf der anderen Seite: Ist ein Buch wirklich gut und wird vom sonst so harschen Kritiker gelobt, ist das ein echter Indikator für den Zuschauer oder Leser, dass man sich dieses Buch merken muss. Jedenfalls, wenn man für gewöhnlich mit der Meinung dieses Kritikers übereinstimmt.
Wohin sind wir denn als Gesellschaft gekommen, dass alles immer schöngeredet werden muss, auch wenn es der letzte Müll ist? Den Zenit der kulturellen Entwicklung haben wir in Deutschland jedenfalls weeeeeeit hinter uns gelassen. Im Rückspiegel erkennt man noch einen kleinen Lichtpunkt. Das ist uns vom Licht der Aufklärung geblieben.
Was berechtigt den eigentlich…?
Oft aufgeworfen wurde auch die rhetorische Frage, was eigentlich Scheck zur Kritik berechtige, da er selbst keine literarischen Werke publiziert habe. Das gehört ohne Zweifel zu den dümmsten Einlassungen zu dieser Debatte, denn es wäre mir auch neu, dass man Autos bauen muss, um zu sagen, ob es ein gutes Auto ist, oder Koch, um zu wissen, wie das Essen schmeckt.
Wollen wir dieser Frage dennoch fünf Minuten tieferen Denkens widmen, so stellen wir fest, dass Scheck Literatur und Übersetzung studiert hat (gemeinhin ist das als allgemeine Qualifizierung für Themen rund um die Uhr durchaus anerkannt) und als Übersetzer, Literaturagent und Kulturjournalist seit Jahrzehnten mit Literatur befasst. Es sei zudem darauf hingewiesen, dass auch Marcel Reich-Ranicki sich nicht unbedingt als großer Literat hervorgetan hat. Aber vielleicht wird heute auch dessen Expertise in Frage gestellt. Wer weiß. Zum Zeitgeist würde’s passen.
Der Zeitgeist – eine Zeit ohne Geist
Apropos Zeitgeist. Und Marcel Reich-Ranicki. Dem kann ein Denis Scheck natürlich nicht das Wasser reichen. Nicht im Entferntesten. Das liegt aber nicht bloß an Scheck allein, sondern am Geist unserer Zeit, die weitestgehend ohne Geist auszukommen versucht. Die Quittung für diesen Lebensstil ist natürlich bereits unterwegs, doch viele sehen sie noch nicht kommen.
Sei’s drum: Ein Reich-Ranicki würde heute nicht mehr angeschaut – und vor allem auch gar nicht mehr verstanden, nicht mal von jener Schicht, die dafür eigentlich prädestiniert wäre, nämlich das sogenannte Bildungsbürgertum. Das ist nämlich auch nur noch ein Schatten seiner selbst. Geblieben ist viel Habitus und wenig Substanz. So, wie es sich in Personen wie von Kürthy und Heidenreich schon andeutet. Insofern ist eine gewisse Kritik an Schenk und seinem Format berechtigt, wenn wir es mit den wirklich großen Literaturkritikern der letzten Jahrhunderte vergleichen. Das ist natürlich ein Abstieg. Das liegt aber am Niedergang unserer gesamten Kultur, und nicht an Herrn Schenk und seinem Programm, das in und für unsere Zeit gemacht ist.
Dürfen wir also kein Geschnatter von der Damentoilette lesen?
Natürlich darf man von Kürthy und Heidenreich lesen und sich prächtig unterhalten und sogar belehrt fühlen – obwohl ich beides nicht nachvollziehen kann. Das Problem an diesen beiden Damen ist aber ja nicht, dass sie Damengeschnatter für schnatternde Damen produzieren. Das hat es immer schon gegeben, das hat seinen Markt, und es ist völlig in Ordnung, wenn sich Frauen an derartigem Gewäsch erfreuen können.
Das Problem ist, dass die beiden Autorinnen sich wie große Literatinnen und Intellektuelle fühlen, die irgendwie einen wichtigen Platz in der Kulturgeschichte des Landes einnehmen. Das sagen sie vielleicht nicht direkt, aber sie gebaren sich so. Unter hinter all dem empörten Misogynie-Geschnatter steckt im Grunde nichts anderes, als die Verbitterung darüber, dass man ihnen diesen Platz partout nicht zuerkennen will. Denn es gibt durchaus haufenweise Autorinnen, die Scheck sehr lobt. Von Misogynie keine Spur. Warum also die Empörung? Weil es ja nicht sein kann, dass es einfach daran liegt, das jemand ihr Buch, das ja nun, ach!, so Fundamentales zum Alterungsprozess der Frau an sich und schlechthin beizutragen hat, seicht und schlecht findet. Wenn so ein Urteil kommt, kann nur die Misogynie schuld sein. Und sagt’s eine Frau, wie ich, dann ist es vermutlich das „internalisierte Patriarchat“. Am Ende des Tages ist es nichts anderes als verletzte Eitelkeit zweier Möchtegern-Intellektuellen.
Aber auch diese Möchtegern-Intellektuellen sind repräsentativ für unsere Gegenwart. Denn echte Intellektuelle gibt es hierzulande, und im ganzen Westen, nicht mehr. Es gibt einen intellektuellen Habitus einer formal hochgebildeten Klasse. Doch hinter diesem Habitus steckt nichts – kein Wissen, kein Witz, keine intellektuelle Beweglichkeit. Insofern ist diese so unfassbar banale Debatte eben … ein Spiegelbild unserer unfassbar kulturlosen Gesellschaft.