DIE ÄSTHETIK DES SCHREIS

Jeder Schrei hat einen Ursprung und einen Zielpunkt, ein Woher, ein Wohin – ein Worumwillen. Er ist Urlaut und Kulturlaut: Gedankenlos hinausgeschleudert und doch Ausdruck von etwas.

Sein Urheber wirft ihn, mit der brachialen Eleganz eines Diskuswerfers so weit die Stimme trägt.

Für ihn, der wirft, ist die Arbeit mit dem Wurf getan; ein kurzer Moment der Kraftkonzentration – zielen – loslassen; was dann geschieht, ist nicht mehr in seiner Hand, der Oberkörper erschlafft, knickt ein, während er noch dem Ton nachblickt.

Der Schrei aber fliegt, trifft. Und ebendas ist das besondere Moment in der eigentümlichen Schönheit des Schreis: dass er stets trifft.

Sei es den anvisierten Zielpunkt, sei es einen ganz anderen Ort oder sei es, dass er ins Leere fliegt – selbst noch darin trifft er.

Der den Schrei Lancierende hat, ob er es nun weiß oder nicht, bereits gewonnen.

Was nun aber, wenn er trifft? Wo er trifft?

 

Der Hintergrund

Diesen kurzen Text habe ich für das Theatercamp Liliom im Herbst 2019 geschrieben und als Teil der Gesamtperformance auch selbst performt. Die Grundidee war es, ausgehend von den Kernthemen des Stücks – „Liliom“ von Ferenc Molnár – eigene Texte zu produzieren, die in irgendeiner Weise mit dem Stück bzw. seinen Inhalten assoziiert waren. Aus dem Themenkreis Gewalt, der in dem Stück eine tragende Rolle spielt, wählte ich die Schrei zum Gegenstand. Obschon das eine ganz spontane Eingebung beim Kaffee in der Mittagspause war, steckt darin doch etwas, das mir wichtig ist: die Absage an die Vereindeutigung.

 

Das Probenfoto (oben) entstand im Oktober 2019 und zeigt die Sequenz, in der der Text „Die Ästhetik des Schreis“ vorgetragen wurde. Ursprünglich hatte ich vor, den Text um die Reflexion dessen zu ergänzen, was dort passiert, wo der Schrei trifft. Bei der Nachbearbeitung des Textes für die Publikation hier auf der Seite fand ich dann aber doch, dass dieser „offene“ Schluss den Inhalt am trefflichsten (!) widerspiegelt, dass also diese letzte Sequenz nicht wirklich fehlt.