The Crane

 

O light-winged beauty of the sky
I’ve seen you take, as time goes by,
oh so many shape and form,
bringing bliss to souls forlorn
and long a life to mortal man
that on your wings go to the Promised Land.

You lend your swiftness to the fighter’s hand
and justice‘ scale your eyes so kindly guide
circling gracefully up in the sky.
Who could deny the poet his despair –
He’s seen you shot, my beauty, in mid-air.

Dieses Gedicht entstand eigentlich anlässlich eines Geburtstags; allerdings nahm das Gedicht dann eine dramatischere Wendung als geplant und so kam es für diesen Zweck gar nicht zum Einsatz. Ich war schon immer ein Fan ostasiatischer Holzschnitte, auf denen das Motiv des Kranichs häufig auftaucht. Der Kranich symbolisiert, unter anderem, Glück und langes Leben, was mir als Motiv für einen Geburtstag passend erschien.

Der Beginn des Gedichts war mir schnell klar. „O light-winged beauty of the sky“ war die erste Zeile, die mir einfiel. Es gibt keinen Grund, warum das Gedicht auf Englisch ist, außer, dass mir eben diese erste Zeile so einfiel und damit die Sprache irgendwie festgelegt war. Mir gefiel der Klang, es erinnerte mich etwas an die Übersetzungen von Sanskrit-Poesie aus dem 19. Jahrhundert.

Ich dachte zunächst daran, ein Sonett zu schreiben. Inhaltlich hatte ich jetzt noch etwas weiter zu den mythologischen Bedeutungen des Kranichs in verschiedenen Kulturen recherchiert und wollte inhaltlich möglichst viele Bedeutungen aufgreifen, die der Kranich im Laufe der Kulturgeschichte angenommen hat.

Besonders schön war natürlich die Entdeckung, dass der berühmte indische Dichter Valmiki – sagt man jedenfalls – seinen ersten Sloka (eine altindische Versform) unter dem Eindruck von Trauer und Entsetzen darüber schrieb, dass er mit ansehen musste, wie ein Kranich mitten im Balztanz von einem Jäger erschossen wurde und zu Boden fiel.

Aus dem Reimpaar „despair“ und „mid-air“ baute ich die letzten beiden Verse, die auf diese Geschichte Bezug nehmen. Hier nahm dann auch das Gedicht seine dramatische Wendung und verlor jede Geburtstagstauglichkeit. Ich wollte die Verse aber auch nicht mehr ändern, da mir gefiel, dass der letzte Vers mit Betonungen auf „shot“ und „air“ den Vorgang auf der Inhaltsebene gut nachstellen konnte: Der Vers und das Gedicht enden auf einer männlichen Kadenz, der erschossene Kranich fällt aus den Lüften gewissermaßen ins Leere.

Nun musste noch der Mittelteil entstehen. An die erste Zeile hatte ich bereits „I’ve seen you take, as time goes by/oh so many shape and form“ angehängt, nun mussten im Mittelteil möglichst viele Bedeutungen des Kranichs untergebracht werden.

Die Zeilen 3 und 4 beziehen sich auf die zugeschriebene Fähigkeit des Kranichs Glück und langes Leben zu bringen. Zeile 5 greift auf, was ich irgendwo las, dass gelegentlich auch angenommen wurde, dass der Kranich Menschen auf seinen Flügeln ins Paradies tragen würde. Zeile 6 bezieht sich auf den Kranich-Stil im Shaolin-Kung Fu. Zeile 7 und 8 nehmen Bezug auf die griechische Sage von der Ermordung des Dichters Ibykos, die Schiller in seiner berühmten Ballade „Die Kraniche des Ibykus“ (1797) verarbeitete.